Reflexe - Die vielseitigen Talente von Neugeborenen

Erblickt ein neuer Mensch das Licht der Welt, ist er schutzlos, überfordert und abhängig von seinen Eltern - insbesondere der Mama. Das ist völlig normal, schließlich hat die Natur uns so aufgebaut, dass wir in jungen Jahren noch sehr viel Hilfe und Anleitung brauchen. Trotzdem kann ein Neugeborenes viel mehr als man auf den ersten Blick vermuten möchte. Dafür sorgen Reflexe.

Ein Reflex ist eine schnelle, unbewusste und immer gleich ablaufende Reaktion auf einen bestimmten Reiz. Dabei unterscheidet man zwischen erlernten und angeborenen Reflexen. Bei Säuglingen handelt es sich um angeborene Reflexe, da sie bereits bei der Geburt darüber verfügen. Das hat sich im Laufe der Evolution so entwickelt, da es bestimmte Eigenschaften und Verhaltensmuster gibt, die ab Tag eins auf dieser Welt einfach unverzichtbar sind, um das Überleben zu sichern.

Für Neugeborene ist die Veränderung der Umwelt vom wohlig warmen Bauch der Mutter hinaus in unsere Welt gigantisch, deshalb sind bestimmte instinktive Reaktionen fest in das Verhalten einprogrammiert. Sie werden einfach automatisch eingesetzt, ohne, dass das Kind selbst etwas steuern muss. Ziemlich talentiert die Kleinen, oder? Wenn es bei dir oder deinen Liebsten grade Nachwuchs zu vermelden gibt, wird dir das Verhalten eines Neugeborenen sicher manchmal unkoordiniert und zufällig vorkommen. Weißt du aber erstmal welcher Sinn dahintersteckt, wirst du ein Gespür dafür entwickeln was das Baby grade umtreibt und es möglicherweise einfach ein Reflex ist. Welche es gibt erklären wir jetzt:

Suchreflex

Babys sind auf Nahrungsaufnahme programmiert. Nach der Geburt ist verläuft sie allerdings nicht mehr über den Mutterleib, sondern über die Brust der Mutter. Für einen reibungslosen Übergang sorgt der Suchreflex. Ein zartes Streicheln an der Wange genügt als Signal, damit das Baby den Kopf in Richtung Nahrungsquelle dreht, den Mund öffnet und mit dem Saugen beginnt. In den ersten Minuten nach der Geburt ist dieser Reflex besonders stark, daher wird Müttern dazu geraten ihr Kind direkt an die Brust zu legen. Nach ein circa drei bis vier Monaten verschwindet der Reflex automatisch.

Saug- und Schluckreflex

Hat das Baby die Brust der Mutter gefunden setzt der Saug- und Schluckreflex ein. Hierbei handelt es sich sogar um ein Reflexkombination. Sobald der Gaumen des Säuglings berührt wird beginnt es kräftig zu saugen und die die Milch herunterzuschlucken. So klappt die Versorgung mit Nahrung praktisch wie von selbst. Nach circa einem halben Jahr lernen Kinder dann das Saugen selbst zu kontrollieren.

Greifreflex

Unsere Hände sind ein Leben lang wichtige Werkzeuge, denn sie helfen uns bei fast allem was wir tun. Das wissen auch Neugeborene schon, deshalb sind sie mit dem Greifreflex ausgestattet. Teilweise können sie sogar schon richtig fest zupacken. Berührt man die Handinnenfläche eines Babys, ballt es die Finger zur Faust. So wird das Greifen gezielt trainiert. Außerdem ist es einfach putzig zu sehen, wie sich die kleinen Fingerchen anstrengen. Ungefähr ab dem 5. Lebensmonat wird dieser Reflex durch gezieltes Greifen ersetzt. Den Greifreflex gibt es auch bei den Füßen. Übt man leichten Druck auf den Fußballen des Neugeborenen aus, ziehen sich dich die Zehen zusammen.

Atemschutzreflex

Damit kein Wasser in die kleinen Lungen des Babys gelangen kann, hat Mutter Natur ihnen den Atemschutzreflex mit auf den Weg gegeben. Sobald Nase und Mund mit Wasser in Kontakt kommen verschließen sich die Atemwege ganz von allein. Wenige Monate nach der Geburt verschwindet der Reflex, deshalb ist Babyschwimmen auch nur in diesem relativ kleinen Zeitraum möglich. 

Moro-Reflex

Er wird auch Klammerreflex genannt und ist ein wichtiges Anzeichen für einen richtig funktionierenden Gleichgewichtssinn bei Neugeborenen. Er wird ausgelöst, wenn das Baby einen Schreck bekommt, wie zum Beispiel bei lauten, Geräuschen, starkem Licht oder überraschenden Bewegungen nach vorne oder hinten. Das Kind streckt dann plötzlich die Arme und Beine von sich, schreit und wirft den Kopf nach hinten. Anschließend zieht es Arme und Beine an sich und nimmt eine Art Klammerhaltung ein. Der Moro-Reflex kann auf junge Eltern etwas heftig wirken, ist aber eine normale angeborene Eigenschaft. Ab dem dritten Monat geht der Reflex langsam zurück, weil sich das Nervensystem weiterentwickelt. 

Schreitreflex

Wenn man Babys in einer aufrechten Haltung festhält und die Füße dabei Kontakt zu einem festen Untergrund haben, beginnen sie Gehbewegungen zu machen. Manchmal ist dieser Effekt auch im Liegen zu beobachten. Außerdem versuchen die Kleinen sich oft mit ihren Beinchen abzustoßen. Das aufrechte Gehen liegt ihnen einfach in den Genen. Nach zwei Lebensmonaten verschwindet der Schreitreflex allerdings wieder. 

Der asymmetrische tonische Nackenreflex (ATNR)

Dieser Reflex wird auch Fechterstellung genannt. Er aktiviert die Muskeln und trainiert die Bewegungsfähigkeit. Des Weiteren dient er ebenfalls der Verbesserung des Gleichgewichtsinns. Der ATNR zeigt sich, wenn der Kopf des Säuglings zur Seite gedreht wird und gleichzeitig der Arm und das Bein auf der gleichen Seite ausgestreckt und auf der anderen Seite zum Körper gezogen wird. Nach sechs Monaten verschwindet der Reflex, anderenfalls würde er beim Krabbeln und laufen lernen stören. 

Der Labyrinthstell-Reflex

Hierbei handelt es sich gewissermaßen um eine Ausnahme, denn während sich die anderen Reflexe spätestens ab dem zweiten Tag nach der Geburt zeigen, entwickelt sich dieser Reflex erst zwischen dem ersten und zweiten Lebensmonat. Der Reflex ermöglicht dem Kind seinen Kopf in Normalposition zu bringen, wenn sich die Körperlage verändert, wodurch es den Kopf in Bauchlage anheben kann.

Du siehst, es ist wirklich erstaunlich was Neugeborene schon alles auf dem Kasten haben und wie gut sie an die neuen Bedingungen außerhalb des Mutterleibs angepasst sind. Die Reflexe sind wirklich raffinierte Überlebensmechanismen. Aus diesem Grund ist es auch wichtig, dass die Reflexe von einem Arzt überprüft werden. So können Erkrankungen des Nervensystems ausgeschlossen werden, denn Eltern sollten eine sorgenfreie und vor allem gesunde Entwicklung ihres Kindes genießen können.

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